Was wir auch heute noch aus Andersens „standhaftem Zinnsoldaten“ lernen können

Eine Geschichte um Unvollkommenheit und Stärke, Loyalität, Standhaftigkeit und wahre Liebe. Wie viele Märchen von Hans Christian Andersen, so ist auch dieses wohl nicht nur für Kinder geschrieben worden ...
Titelbild
Darstellung von Hans Christian Andersens „Der standhafte Zinnsoldat“.Foto: Illustration von Władysław Witwicki (1923)/gemeinfrei/via Wikimedia Commons
Von , 27. November 2025

Er gilt als die Schriftstellerlegende Dänemarks und lebte von 1805 bis 1875. Hans Christian Andersen verewigte in seinen weltbekannten Kunstmärchen nicht nur Geschichten für Kinder, sondern übte auch reichlich Gesellschaftskritik.

Von seinen 156 Märchen seien hier nur einige bekannte genannt: „Des Kaisers neue Kleider“, „Däumelinchen“, „Die kleine Meerjungfrau“, „Die Schneekönigin“ oder die urtraurige Geschichte um „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen“.

Für Kinder ist es angesichts von Gruppenzwang oft schwierig, ihren Prinzipien treu zu bleiben, insbesondere wenn Gleichaltrige sie dazu drängen, ihre Grundsätze zu verraten. In seinem nicht nur aber auch für Kinder geschriebenen Märchen „Der standhafte Zinnsoldat“ demonstriert Hans Christian Andersen den Wert von Prinzipientreue – und dass dies viel bewundernswerter und lohnender ist, als dem Druck nachzugeben.

Anders als all die anderen

In dem Märchen erhält ein kleiner Junge 25 Zinnsoldaten, die jeweils eine schicke rot-blaue Uniform tragen und ein Gewehr halten. Doch einer von ihnen ist anders, kleiner und er hat auch nur ein Bein. Doch im Laufe der Geschichte soll sich genau dieser Zinnsoldat als Sinnbild für innere Stärke erweisen. Er ist  – trotz oder gerade wegen seines Handicaps – der Stärkste von allen. Nur auf einem einzigen Bein stehend, stark und aufrecht, sein Gewehr immer fest an der Schulter, wankt oder fällt er nie.

Die 25 Zinnsoldaten leben im Spielzimmer eines Jungen zusammen mit vielen anderen Spielsachen. Gegenüber der Schachtel der Soldaten steht ein Schloss aus Pappe, in dem eine wunderschöne, kleine Papiertänzerin wohnt. Tag und Nacht steht die zierliche Person in Ballettpose mit ausgestreckten Armen da – ein Bein weit nach hinten gestreckt. Und diese wunderschöne Tänzerin hat es dem kleinen einbeinigen Zinnsoldaten ganz schön angetan. Es muss wohl Liebe auf den ersten Blick gewesen sein.

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Eine Liebe, eine Drohung, ein Unglück

Und so beschließt der Zinnmann, sich hinter einer Schnupftabakdose zu verstecken, um nicht am Abend in die kleine Schachtel gesteckt zu werden, wie all die anderen Zinnmänner. Die ganze Nacht über will er seine ferne Liebe bewundern. Nun wahrlich, es könnte so wohl einfach weitergehen, wenn es nicht auch in der Spielzeugwelt Neid und Missgunst gäbe. Als es Mitternacht schlägt und die Spielzeuge lebendig werden, springt ein kleiner schwarzer Kobold aus der Schnupftabakdose.

Illustration from p. 309 in The Yellow Fairy Book (1894). Foto: Henry Justice Ford/gemeinfrei/via Wikimedia Commons

Dieser versucht, dem verliebten Zinnsoldaten Angst einzujagen. Angesichts der unerschütterlichen Aufmerksamkeit des Zinnsoldaten für die reizende Papiertänzerin verfällt der Kobold in Eifersucht und droht: „Ja, warte nur bis morgen!“ Doch der Zinnsoldat lässt sich in seiner Bewunderung und Liebe nicht erschüttern.

Am nächsten Morgen jedoch ereignet sich ein Unglück: Es ergibt sich, dass der Zinnmann von dem kleinen Jungen des Hauses auf das Fensterbrett gesetzt wird. Ein Windhauch nur, der Fensterflügel gerät heftig in Bewegung und der Zinnerne stürzt in die Tiefe. Drei Stockwerke gehts hinab. Der Junge und ein Dienstmädchen gehen auf die Suche nach dem einbeinigen Soldaten, können ihn jedoch nicht finden.

Illustration zu „Der standhafte Zinnsoldat“ in einer Sammlung von Andersons Märchen. Foto: Helen Stratton (1899)/gemeinfrei/via Wikimedia Commons

Die große Reise des standhaften Zinnsoldaten

Am selben Tag noch kommen zwei Straßenjungen vorbei und finden den Zinnsoldaten zwischen den Pflastersteinen liegend. Sie sind ganz aufgeregt über ihren Fund und beschließen, ein Papierboot zu bauen. Sie setzen den Soldaten hinein und schicken das Gefährt die Gosse hinab, die vom Regen angeschwollen ist.

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Das Papierboot stampft und schwankt in den tobenden Gewässern, doch der Zinnsoldat steht bloß noch aufrechter und hält sein Gewehr fester an der Schulter. Selbst als sich das Boot im Abwasserkanal wild zu drehen beginnt, hält er seinen Kopf noch immer geradeaus gerichtet. Kurz darauf trifft der tapfere Zinnsoldat auf ein Ungetüm …

Eine große Ratte fordert von ihm einen Passierschein, doch der Zinnsoldat bleibt standhaft und schweigt, die Ratte keiner Reaktion würdigend. Das wilde Wasser reißt das kleine Boot mit sich fort, verfolgt von der keifenden Ratte, die wütend Wegezoll einfordert. Dank der starken Strömung bleibt das Ungetier bald schon in der Ferne zurück. Das Boot jedoch hat sein Ende erreicht und kentert aufgeweicht in einem kleinen Wasserfall. Der kleine Zinnsoldat sinkt in die Fluten – und wird von einem großen Fisch verschluckt …

„Der standhafte Zinnsoldat“, Illustration aus „Deutsche Märchen“ (Text Paul Alverdes, mit 100 Illustrationen von Paul Hey, 1939). Foto: Paul Hey/gemeinfrei/via Wikimedia Commons

In der Enge des Fischlaibes streckt sich der kleine Zinnsoldat in voller Länge – und bleibt standhaft in soldatischem Pflichtbewusstsein und behält auch treu in bitterer Not die Liebe zur kleinen Dame im Gedächtnis. Obwohl nun alle Hoffnung verloren scheint, bricht plötzlich ein Lichtstrahl über den Zinnsoldaten herein. Der Fisch hatte seinen Weg vom Fischer bis in die Küche des Hauses des kleinen Jungen gefunden und dabei den kleinen Zinnsoldaten nach Hause zurückgebracht. Alsbald steht das verlorene Spielzeug wieder in der Stube und kann wieder die kleine Papiertänzerin bewundern.

Ja, alles wäre so schön und ein Happy End gewesen, wenn nicht des Schicksals Lauf ein tragischer wäre. Ob der böse Kobold am Werke war oder des Zufalls grausige Hand sich regte: Es trug sich zu, dass unser Zinnsoldat so mir nichts, dir nichts von dem Jungen in das Ofenfeuer geworfen wurde.

Schon beginnt der standhafte Zinnmann in den Flammen zu schmelzen. Er wirft einen letzten schmachtenden Blick auf seine Papierliebe. Und wieder ist es ein Windhauch, der Bewegung in die Ereignisse bringt. Dieses Mal fegt er die kleine Tänzerin hinab, direkt in die Feuersglut – wo sie sogleich in Flammen aufgeht und verbrennt.

Am nächsten Morgen findet das Dienstmädchen beim Leeren des Aschekastens einen geschmolzenen Zinnklumpen in Form eines Herzens. Von der kleinen Tänzerin war nur noch „kohlschwarz gebrannt“ die Flitterrose zu finden, die sie an blauem Bande getragen hatte.

Große Werte kindgerecht dargebracht

Durch dieses Märchen können Kinder die Schönheit und den Wert von Loyalität und Standhaftigkeit zu den eigenen Prinzipien, Freunden und der Liebe erfahren. Trotz des physischen, emotionalen und mentalen Drucks, den der Zinnsoldat ertragen musste, blieb er standhaft.

Er mag kleiner gewesen sein und nur ein Bein gehabt haben, aber niemals wich er ab von seinen Pflichten als Soldat und von seiner Liebe zu der kleinen Dame.

Auch Kinder können daraus ersehen, dass Standhaftigkeit eine Tugend ist, die sie dazu befähigt, negative Kräfte zu überwinden, die sie auf holprige oder gar krumme Wege zu führen versuchen.



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