Saudi-arabischer Staatskonzern übernimmt deutschen Chemieriesen Covestro

Der Chemiekonzern Covestro wird von dem saudischen Staatskonzern ADNOC/XRG übernommen. Die EU und das Bundeswirtschaftsministerium genehmigten die Übernahme unter Auflagen, um fairen Wettbewerb und Transparenz zu sichern. Covestro bleibt eigenständig und soll seine Kreislaufwirtschafts- und Digitalisierungsstrategie mit dem neuen Investor ausbauen.
Cavestro Hauptzentrale in Leverkusen
Die Covestro-Zentrale in Leverkusen: Der Kunststoffspezialist steht vor dem Einstieg des saudischen Staatskonzerns ADNOC.Foto: Covestro AG
Von 30. November 2025

In Kürze:

  • ADNOC/XRG übernimmt den deutschen Kunststoffhersteller Covestro, Brüssel und Berlin stimmen zu, verlangen aber umfangreiche Auflagen wegen befürchteter Wettbewerbsverzerrungen
  • Die Partnerschaft soll Innovation, Kreislaufwirtschaft und Digitalisierung stärken, während Covestro seine Eigenständigkeit und den Standort Leverkusen behält
  • Trotz hoher Investitionen kämpft Covestro mit Branchenflaute, Umsatzrückgang und Verlust von 47 Millionen Euro im jüngsten Quartal

 

Der Leverkusener Chemiekonzern Covestro wird künftig in arabischer Hand sein. Das teilte das Unternehmen vor einigen Tagen in einer Pressemitteilung mit.

Wörtlich heißt es: „Covestro AG und XRG P.J.S.C. (vormals ADNOC International Limited, zusammen mit ihren Tochtergesellschaften im Folgenden ‚XRG‘) haben die letzte noch ausstehende regulatorische Genehmigung vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie im Rahmen des Außenwirtschaftsrechts für ihre strategische Partnerschaft erhalten.“

Mit dieser Freigabe rückt die Übernahme von Covestro durch die Investmentgesellschaft XRG nun in greifbare Nähe. XRG ist eine internationale Investmentgesellschaft, die weltweit in Erdgas, Chemikalien und skalierbare Energielösungen investiert – darunter Projekte, die die Entwicklung künstlicher Intelligenz und industrieller Anwendungen vorantreiben.

Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten und gehört vollständig dem staatseigenen Ölkonzern ADNOC. Der Konzern hält rund 90 Prozent der landesweiten Erdöl- und Erdgasreserven und zählt weltweit zu den zwölf größten Erdölproduzenten.

Neue Maßstäbe in der chemischen Industrie setzen

Beide Unternehmen sprechen von einem strategischen Schulterschluss, der die chemische Industrie in Richtung Innovation, Kreislaufwirtschaft und digitale Transformation neu ausrichten soll. Für Covestro bedeutet der Einstieg des finanzstarken Investors zugleich eine Kapitalerhöhung von 1,17 Milliarden Euro.

Covestro-Chef Markus Steilemann bezeichnete den bevorstehenden Abschluss als „Beginn eines spannenden neuen Kapitels“. Mit XRG gewinne das Unternehmen „einen starken und langfristig orientierten Partner“, mit dem sich Innovation, digitale Transformation und Kreislaufwirtschaft „weiter ausbauen“ ließen. Gemeinsam könne man „neue Maßstäbe in der chemischen Industrie setzen“ und Wert für sämtliche Stakeholder schaffen, so Steilemann.

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Bei XRG sieht man die Übernahme ähnlich positiv. Rainer Seele, President Global Chemicals, sprach von dem Beginn einer „nächsten Phase“ in der Zusammenarbeit. Die Übernahme stärke XRGs Position in der globalen Chemiebranche und unterstütze den Anspruch, „zu den drei führenden internationalen Investoren der Branche zu zählen“. Man schätze die Kompetenz der Covestro-Belegschaft und wolle „eng mit dem Management-Team zusammenarbeiten, um das volle Potenzial von Covestro auszuschöpfen“.

Suche nach neuen „Effizienz- und Wachstumspotenzialen“

Die Partnerschaft soll Covestro laut Unternehmensangaben insbesondere beim Ausbau seiner Kreislaufwirtschafts- und Digitalisierungsstrategien unterstützen, von KI-Anwendungen bis hin zu Quantencomputing. Zudem plant das Unternehmen, seine Präsenz in wachstumsstarken Branchen wie Mobilität, Bau und Elektronik weiter auszubauen. Die Expertise von XRG im Bereich Energiewendetechnologien soll dabei helfen, den Zugang zu saubereren Energielösungen zu sichern und die Resilienz des Konzerns zu stärken.

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Trotz des Eigentümerwechsels bleibt Covestro, so wird betont, in seiner unternehmerischen Eigenständigkeit unangetastet: Vorstand und Strategie verbleiben unter der Leitung von Steilemann, Unternehmensstruktur und Standort Leverkusen sollen bestehen bleiben. Gleichzeitig soll Covestro künftig als globale Plattform für XRGs Performance-Materials- und Spezialchemiegeschäft dienen. Beide Partner kündigen an, gemeinsam nach weiteren Effizienz- und Wachstumspotenzialen zu suchen.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche begrüßt die Übernahme von Covestro:

„Ich begrüße, dass wir gemeinsam die Voraussetzungen für diese Investition schaffen konnten – sie stärkt unsere Industrie und sendet ein positives Zeichen in einer herausfordernden Zeit.“

Die Entscheidung von ADNOC, in Covestro zu investieren, sei ein „starkes Signal des Vertrauens in den Industriestandort Deutschland“. Mit dem „Bekenntnis zur langfristigen Weiterentwicklung des Unternehmens“ eröffne ADNOC „neue Perspektiven für Wachstum, Beschäftigung und die Transformation“ der Chemiebranche.

47 Millionen Euro Verlust

Bei Covestro handelt es sich um die frühere Kunststoffsparte von Bayer. 2015 wurde das Unternehmen eigenständig. Covestro zählt zu den weltweit führenden Herstellern hochwertiger Polymerwerkstoffe und beliefert hauptsächlich die Automobil-, Bau-, Elektronik- und Möbelindustrie.

Das Unternehmen produziert unter anderem Polycarbonat, Polyurethane und Spezialchemikalien, die in Leichtbauteilen, Wärmedämmungen, Beschichtungen oder elektronischen Bauteilen zum Einsatz kommen. Mit Forschungsschwerpunkten in Recyclingverfahren, biobasierten Rohstoffen und digitalen Produktionsprozessen positioniert sich Covestro als Anbieter von Werkstoffen, die sowohl industrielle Leistungsfähigkeit als auch Nachhaltigkeitsanforderungen erfüllen sollen.

Der Chemiekonzern hat etwa 17.500 Mitarbeiter. Gut 7.000 sind davon in Deutschland beschäftigt. Neben der Zentrale in Leverkusen arbeiten sie in Dormagen, Krefeld (Uerdingen) und Brunsbüttel.

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Wie die gesamte Chemiebranche leidet auch Covestro unter der schwachen Konjunktur, der teuren Energie und der durch die US-Zölle angespannten Handelssituation. Im dritten Quartal dieses Jahres brach der Umsatz des Unternehmens deshalb laut eigenen Angaben um 12 Prozent auf rund 3,2 Milliarden Euro ein.

Im Vorjahr lag der Umsatz noch bei 3,6 Milliarden Euro. In der Gesamtbetrachtung verbucht das Unternehmen nun einen Verlust von 47 Millionen Euro. Im Vorjahr war es noch ein Gewinn von 33 Millionen Euro.

EU erteilt Zustimmung unter strengen Auflagen

Bevor das Bundeswirtschaftsministerium grünes Licht für die Übernahme gab, hatte die Europäische Union ihr Einverständnis zum Geschäft erteilt. Zuvor hatte die EU die geplante Übernahme eingehend überprüft. „Die Genehmigung steht unter dem Vorbehalt der vollständigen Einhaltung der von den Parteien eingegangenen Verpflichtungen“, heißt es in der Mitteilung der Kommission.

Die Brüsseler Behörde kam zu dem Ergebnis, dass beide Unternehmen erhebliche ausländische Subventionen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten erhalten haben, darunter eine unbegrenzte staatliche Garantie für ADNOC, steuerliche Vorteile und eine zugesagte Kapitalerhöhung für Covestro.

Nach Angaben der Kommission hätten diese Unterstützungen „unangemessen günstige Bedingungen“ geschaffen und damit potenziell sowohl den Bieterprozess als auch den Wettbewerb im EU-Binnenmarkt verzerrt.

Um die Bedenken auszuräumen, verpflichtet sich ADNOC, seine Satzung so zu ändern, dass die staatliche Garantie entfällt, und Covestro ausgewählte Nachhaltigkeitspatente zu transparenten Konditionen an Wettbewerber zu lizenzieren.

Die Zusagen gelten für zehn Jahre und sollen nach Einschätzung der Kommission sicherstellen, dass Innovation und Wettbewerb in der europäischen Chemieindustrie nicht beeinträchtigt werden. Ein unabhängiger Treuhänder wird die Einhaltung überwachen.

Verpflichtungen sollen negative Effekte begrenzen

Die Vizepräsidentin der Kommission, Teresa Ribera Rodríguez, betonte in der Mitteilung, dass die Kommission die mit der Transaktion verbundenen Subventionen „sorgfältig geprüft hat, um einen fairen und wettbewerbsfähigen Binnenmarkt zu gewährleisten“.

Die zugesagten Verpflichtungen von ADNOC würden mögliche negative Effekte wirksam begrenzen, da sie anderen Marktteilnehmern „den Zugang zu wichtigen Covestro-Patenten im Bereich Nachhaltigkeit ermöglichen“ und damit Innovationen in einem strategisch bedeutenden Feld fördern könnten.

Gleichzeitig würdigte sie die Zusammenarbeit der Unternehmen: „Wir begrüßen die konstruktive Zusammenarbeit von ADNOC und Covestro bei der Erzielung dieser Lösung.“



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