Besinnliche Adventszeit in Deutschland: Geschichte, Traditionen und moderne Bräuche

Die Adventszeit in Deutschland verbindet historische Bräuche mit moderner Vorweihnachtskultur. Vom Adventskranz über Nikolaus und Knecht Ruprecht bis zu Turmblasen und Rorate-Messen prägen die Zeit den Brauchtum und die Besinnlichkeit. Gleichzeitig entsteht durch Konsumdruck und Vorbereitungen ein Spannungsfeld zwischen Ruhe, Tradition und stressiger Alltagsorganisation.
Kalt genug, damit es schneit und der Schnee liegen bleibt, ist es immer seltener. (Archivbild)
Es Weihnachtet.Foto: Jan Woitas/dpa
Von 30. November 2025

In Kürze:

  • Die Adventszeit in Deutschland ist geprägt von Bräuchen wie Adventskranz, Nikolaus und Rorate-Messen, die Besinnlichkeit fördern.
  • Heute bestimmen Plätzchen, Weihnachtsmärkte, Lichter und Musik die Vorweihnachtszeit, wobei Geschenke oft Stress verursachen.
  • Historische Rituale wurden angepasst, sodass Tradition und moderne Feierlichkeiten heute verbunden sind.

 

„Jingle Bells“ an jeder Budenecke, Eröffnung von Weihnachtsmärkten überall. Lichterketten, der Geruch von Glühwein, Zimtsternen, Orangeat, Beschallung mit heimischen und amerikanischen Weihnachtsliedern sowie teure Holzschnitzereien aus dem sächsischen Erzgebirge – die Vorweihnachtszeit hat endgültig begonnen, nachdem bereits seit Mitte September Lebkuchen und andere weihnachtliche Spezereien in den Lebensmittelgeschäften angeboten wurden.

Vorweihnachten – das ist die Adventszeit. Sie beginnt mit dem heutigen Adventssonntag und endet am 21. Dezember mit dem vierten Adventssonntag. Traditionell wird diese Jahresendzeit mit Besinnlichkeit im Kreis der Familie verbunden, obwohl oft genug Erwartungsdruck entsteht: Geschenke für Heiligabend kaufen, besonders gutes Essen vorbereiten.

In vielen Familien werden Plätzchen und Christstollen gebacken, meist von Müttern, die ohnehin schon mit dem Alltag ausgelastet sind. So kann die vermeintlich ruhige Jahreszeit für manche auch zum Stresstest werden.

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Adventskranz – erst 186 Jahre alt

Advent, vom Lateinischen adventus (Ankunft), bezeichnet die vier Wochen vor Weihnachten, in denen sich Christen auf das Fest der Geburt Jesu vorbereiten. In früheren Jahrhunderten waren diese Wochen nicht mit süßem Gebäck verbunden, sondern eine Zeit des Fastens und der Buße.

Diese Tradition wurde seit dem 11. Jahrhundert überliefert, wird heute aber kaum noch praktiziert. Unter dem Eindruck der Not im Ersten Weltkrieg entschloss sich die katholische Kirche 1917 dazu, das Adventsfasten nicht mehr von den Gläubigen zu verlangen.

Symbolisch für die Ankunftszeit steht der Adventskranz, gebunden aus Zweigen von Nadelhölzern. An jedem der vier Sonntage wird eine eigene Kerze auf den Kranz gesteckt und angezündet. Den typischen deutschen Adventskranz mit seinen vier Kerzen gibt es noch gar nicht so lange. Als Erfinder dieser Tradition gilt Johann Hinrich Wichern, der im 19. Jahrhundert das Rauhe Haus in Hamburg gründete, ein Heim für schwer erziehbare und straffällig gewordene Kinder.

1839 stellte Wichern im Betsaal seines Heims den ersten Adventskranz auf. Anders als heute, steckte er für jeden Werktag bis zum Heiligen Abend eine rote Kerze auf den Kranz, die vier Adventssonntage markierte er mit weißen Kerzen. Wichern wollte die Kinder damit erfreuen und die Vorbereitungszeit auf das Weihnachtsfest sinnlich erfahrbar machen. Das Rauhe Haus gibt es noch heute als Stiftung.

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St. Nikolaus und Knecht Ruprecht

In die Adventszeit fällt auch der 6. Dezember. Nach christlicher Überlieferung kommt am Abend des 6. Dezember der Heilige Nikolaus mit einem großen Sack zu den Familien und bringt Geschenke für die Kinder. Der Brauch geht zurück auf den Bischof Nikolaus aus Myra im 3. Jahrhundert.

Im Mittelalter erhielt der Nikolaus in Deutschland einen Helfer, den Knecht Ruprecht, der unartige Kinder mit einer Rute bestrafen sollte. Die Figur ist regional unterschiedlich benannt. Am Mittelrhein heißt er Nickel oder Pelznickel, im Rheinland Hans Muff. Die größte Bekanntheit erreichte Ruprecht im 19. Jahrhundert, auch durch Theodor Storms Gedicht Knecht Ruprecht, in dem er ans Christkind gebunden ist:

„Und wie ich so strolcht durch den finstern Tann, da rief’s mich mit heller Stimme an: Knecht Ruprecht, rief es, alter Gesell, hebe die Beine und spute dich schnell. Hast denn die Rute auch bei dir? Ich sprach: Die Rute, die ist hier, doch für die Kinder nur, die schlechten, die trifft sie auf den Teil, den rechten.“

Heute ist Prügelstrafe an Kindern strafbar und wird nicht mehr praktiziert. Die Herkunft von Ruprecht ist nicht eindeutig, eine Theorie sieht Parallelen zu germanischen und slawischen Figuren wie Frau Perchta.

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Luther und das Christkind

Reformator Martin Luther wollte die Heiligenverehrung, einschließlich des Nikolaus, abschaffen. Als protestantischen Gegenentwurf schuf er das Christkind, das an Weihnachten die Gaben bringen sollte. Später wurden sogar Verbote für Nikolausbescherungen erlassen, wie die Evangelische Kirche in Deutschland erklärt.

Adventsblasen von Türmen und Zinnen

Ebenfalls protestantisch beeinflusst ist das Adventsblasen oder Turmblasen. Mit Trompetenschall wird symbolisch Jesus auf die Erde herabgerufen.

In Potsdam musizieren die Bläser an den Adventssonntagen von Balkonen in der Humboldtstraße und am Potsdamer Museum. In Worms am Rhein findet das Turmblasen am 4. Advent zwischen Kaiserdom und Magnuskirche statt.

In Chemnitz spielen Posaunenchöre seit dem 15. Jahrhundert auf dem Balkon des Alten Rathauses. In Königstein gibt es am 3. Advent ein festliches Turmblasen von der St. Marienkirche. Interessierte können in ihrer Stadt ähnliche Blaskonzerte während der Adventszeit entdecken.

Rorate-Messen – frühmorgendliche Andachten

Wer es mystisch und christlich mag, kann sich in katholischen Gemeinden über Rorate-Messen informieren. Diese besonderen Gottesdienste finden zwischen 4 und 6 Uhr bei Kerzenschein statt.

Rorate bedeutet „Tauet“und ist dem adventlichen Wechselgesang entnommen: „Tau aus Himmelshöhn, Heil, um das wir flehn, Herr, erbarme dich. Licht, das die Nacht erhellt, Trost der verlornen Welt, Christus, erbarme dich. Komm vom Himmelsthron, Jesus, Menschensohn, Herr, erbarme dich.“



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