„Das Glück der Tagelöhner“ oder Wo geht’s denn hier zum Glück?

Inspiriert von einem Vortrag der Märchenerzählerin Helena Beuchert einige Gedanken für Sie zum Mitnehmen – in die Adventszeit, in das neue Jahr.
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Foto: netrun78/iStock
Von 30. November 2025

Es war einmal ein armer Tagelöhner, der lebte zufrieden mit seiner Frau und seinen Kindern in einem kleinen Haus am Rand des großen Waldes. Er fällte Bäume, hackte Holz und schnitt Bretter zu – so verdiente er sein tägliches Brot. Es war eine schwere, mühsame Arbeit, viel Schweiß für wenig Geld. Und doch klang am Abend oft Lachen und Singen aus dem kleinen Haus, sodass sich die Leute wunderten.

Auch der König, der auf dem Weg zum Schloss manchmal an dem kleinen Haus vorbeikam, hörte das Singen und Lachen. Erst war auch er verwundert, dann verärgert und schließlich aufs Äußerste empört: „Was haben Tagelöhner zu lachen?“ Und er schickte seine Soldaten mit einem Auftrag zu dem kleinen Haus.

„Höre, Holzhacker“, sagte der Hauptmann der Soldaten, „dies befiehlt dir unser Herr, der König: Liefere fünfzig Säcke Sägemehl bis zum Morgengrauen. Und kannst du das nicht, so seid ihr alle des Todes, du, deine Frau und deine Kinder!“

Der Tagelöhner erschrak. „Fünfzig Sack Sägemehl! In einer Nacht! Das kann kein Mensch schaffen. Ach, nun sind wir verloren!“

Seine Frau aber tröstete ihn und sprach: „Mein Lieber, wir haben ein gutes Leben gehabt. Wir hatten uns und unsere Kinder, wir hatten Freunde und Freude genug. Die Säcke können wir doch nicht bis zum Morgen füllen. Also lass uns in dieser Nacht noch einmal unser glückliches Leben feiern, mit unseren Kindern und Freunden. So, wie wir gelebt haben, wollen wir auch dem Tod entgegengehen!“

Und sie riefen ihre Kinder herbei und luden ihre Freunde ein und feierten in dieser Nacht noch einmal ein Fest, sangen und lachten und waren glücklich bis zum Morgengrauen. Dann schliefen die Kinder ein und die Gäste gingen, einer nach dem anderen, und dann war der Tagelöhner allein mit seiner Frau.

Schweigend standen sie am Fenster und warteten auf den Morgen. Und als sie sahen, wie der Himmel sich rötete, überfiel sie die Traurigkeit und ihre Herzen waren schwer.

„Nun ist es aus mit uns“, flüsterte die Frau. Voller Liebe umarmte sie der Mann und sagte: „Lass gut sein. Es ist schwer, das Leben zu lassen, aber es ist doch besser, dankbar für unser Glück zu sterben, als weiterzuleben in ständiger Angst.“ Da klopfte es an der Tür. „Das werden die Männer des Königs sein“, sagte der Tagelöhner. Noch einmal umarmte er seine Frau, dann machte er die Tür weit auf.

Draußen stand der Hauptmann des Königs. Zögernd trat er ein und schwieg lange.

„Höre, Holzhacker“, sagte er dann, „schneide zwölf Eichenbretter für einen Sarg. In dieser Nacht ist der König gestorben.“

Mündlich überliefert aus Armenien

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Wo geht’s denn hier zum Glück?

Das Jahr neigt sich dem Ende zu – Zeit, zurückzuschauen und Neues zu planen. Damit einhergehend stellt sich die Frage nach dem Glück. Hat es einen begleitet? Wird es einem auch im kommenden Jahr hold sein?

Unser Wort „Glück“ leitet sich aus dem mittelhochdeutschen „gelücke“ ab: die Art,
wie etwas gut ausgeht. Es ist demnach eine günstige Fügung des Schicksals und ein seelisch gehobener Zustand, der sich aus der Erfüllung von Wünschen ergibt.

Verbunden mit dem Schöpfer, gehalten im menschlichen Wir

Glücksforscher fanden heraus, dass Glücksfähigkeit zu 50 Prozent vererbt ist, 10 Prozent dem Zufall geschuldet sind, aber noch 40 Prozent Handlungsspielraum bleiben. Das ist ja schon eine ganze Menge, oder?

Dabei ist dieser Satz des Soziologen und Wirtschafts- und Politikwissenschaftlers Arthur C. Brooks bemerkenswert: „Glück ist nicht die Folge von Erfolg, sondern die Voraussetzung.“ Brooks ist Professor an der Harvard-Universität und unterrichtet Kurse wie „Führung und Lebensfreude“, deren Wartelisten zur Teilnahme lang sind.

Für viele mag es simpel klingen, doch an erster Stelle stehen bei Brooks die sozialen Bindungen zu Familie und Freunden: zwischenmenschliche Beziehungen, die einen erfüllen, Menschen, die sich aufeinander beziehen, zueinander gehören, einander unterstützen, sich sein lassen, wie sie sind. Denn nicht zuletzt: Wer in Gemeinschaft lebt, ist gesünder und lebt länger.

Für ein gelingendes Miteinander ist die Ausrichtung auf einen übergeordneten Bezugspunkt, sprich die Verbindung mit einem höheren Wesen, hilfreich, wenn nicht gar notwendig. Wenn ich mich in einer wohlwollenden Gottesmacht geborgen fühlen kann, kann ich dem Leben vertrauen.

Auch die Verbundenheit mit der Natur ist glücksbringend, oder dass ich mich als Teil eines großen Ganzen erlebe, von dem ich herkomme und zu dem ich zurückkehre. Vertrauen in mich und Vertrauen in Gott sind gute Wegweiser.

Ich bin glücklich, wenn ich Segen bei meinem Tun spüre

Eine erfüllende, sinnstiftende Arbeit oder Aufgabe ist glückserfüllend. Wenn ich dort, wo ich lebe, gern gesehen bin und meinen Teil beitragen kann, bin ich dem Glück schon ein großes Stück näher. Jeder Mensch braucht Anerkennung, Wertschätzung und das Wissen, dass das eigene Tun wichtig ist. Oder um es mit Konfuzius zu sagen: „Wenn ich das, was ich tue, gern tue, dann muss ich nie mehr arbeiten.“

Komplementär geht es ebenso darum, jenseits vom Tun die Wichtigkeit und den Wert der eigenen Person zu sehen und wertzuschätzen, den mir zugedachten Platz zu 100 Prozent einzunehmen.

Ein Weg dabei ist, ganz im Hier und Jetzt zu sein. Wer der Vergangenheit nachhängt, kann die Gegenwart nicht schätzen. Eine hohe Lebenskunst besteht darin, gelassen zu bleiben und anzunehmen, was ist. Wenn ich zu viel erwarte, werde ich oft enttäuscht. Nach dem Motto: „Heute besuch ich mich – hoffentlich bin ich daheim“, wie Komiker Karl Valentin so herzerfrischend formulierte.

Unsere Sinne sind hierfür perfekte Helfer. Sie sind die Antennen für das Schöne und bringen uns in die Gegenwart, denn genießen geht nur im Moment.

„Wer sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden“, konstatierte Franz Kafka, wenngleich er selbst nur 40 Jahre leben durfte.

Doch auch das Erinnern an positive Erlebnisse schafft Glücksmomente und kann uns wie eine Schatzkiste begleiten.

„Halt an, wo läufst du hin?

Der Himmel ist in dir.
Suchst du Gott anderswo
du fehlst ihn für und für.“

Angelus Silesius (1624–1677), auch bekannt unter seinem bürgerlichen Namen Johannes Scheffler, Arzt, Priester und Dichter

Nur für heute

Papst Johannes XXIII. werden „Die Zehn Gebote der Gelassenheit“ zugesprochen. Zehn Leitsätze, jeweils beginnend mit „Nur für heute“, können uns daran erinnern, wie wir leben möchten. Dabei gilt es, immer mit dem ersten Schritt anzufangen, geduldig, in Demut.

Der erste Punkt ist, nicht alle Probleme des Lebens auf einmal lösen zu wollen. Das beinhaltet eine klare Strukturierung der Tage, wobei es gilt, sich vor Hetze und Unentschlossenheit zu hüten.

Betont wird die Konzentration auf das eigene Verhalten: Ich nehme mir vor – nur für heute –, niemanden zu kritisieren, nicht danach zu streben, andere zu korrigieren oder zu verbessern, nur mich selbst. Dies geht einher mit größter Sorgfalt im eigenen Auftreten. Denn ich werde versuchen, mich an die Umstände anzupassen, anstatt zu verlangen, dass sich die Umstände an mich und meine Wünsche anpassen.

Weiter heißt es: „Sollte ich mich in meinen Gedanken beleidigt fühlen, werde ich dafür sorgen, dass niemand es merkt.“ Ebenso wird empfohlen, sich zu einer Sache zu überwinden, auf die man eigentlich keine Lust hat, und eine gute Tat zu vollbringen, ohne es jemandem zu erzählen.

Nächster Punkt ist eine gute Lektüre. Diese ist für das Leben der Seele so notwendig wie die Nahrung für den Leib.

Selbst wenn die Umstände das Gegenteil zeigen sollten, glaube ich an eine gütige Vorsehung Gottes und – nur für heute – werde ich keine Angst haben, mich an allem zu freuen, was schön ist, und an die Güte Gottes glauben.

Papst Johannes XXIII. formuliert es folgendermaßen: „Nur für heute werde ich in der Gewissheit glücklich sein, dass ich für das Glück geschaffen bin […] nicht nur für die andere, sondern auch für diese Welt.“

Man sollte sich nicht zu viel vornehmen. Es genügt, an jedem Tag und zu jeder Stunde in Ruhe und mit Geduld nach dem Guten zu suchen – ohne Übertreibung.

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers oder des Interviewpartners dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.



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