Der Dieb, der die „Mona Lisa“ berühmt machte

Heute drängen sich die Besucher im Louvre vor Leonardo da Vincis „Mona Lisa“. Weltberühmt wurde das Porträt jedoch erst, als ein einfacher Arbeiter es von der Wand nahm und damit einen der größten Kunstkrimis des 20. Jahrhunderts auslöste.
Titelbild
Beamte versammeln sich um Leonardo da Vincis „Mona Lisa“ bei ihrer Rückkehr nach Paris am 4. Januar 1914.Foto: Paul Thompson/FPG/Archive Photos/Getty Images
Von 29. November 2025

Jedes Jahr besuchen Tausende Kunstliebhaber das berühmte Pariser Museum, das Musée du Louvre. Wenn man sie fragt, was sie sich dort ansehen möchten, wird die Mehrheit zweifellos sagen: Leonardo da Vincis Porträt der Mona Lisa.

Das überraschend kleine Porträt war schon immer von Geheimnissen umgeben. Bis heute wird über die Identität der dargestellten Frau spekuliert. Viele Wissenschaftler sind sich jedoch einig, dass es sich um ein Porträt von Lisa del Giocondo, der Frau von Francesco del Giocondo, handelt.

Es wird vermutet, dass Leonardo da Vinci um 1503 mit dem Gemälde begann und noch bis 1517 daran arbeitete. Es wird ebenfalls spekuliert, dass die dargestellte Frau eine idealisierte Vision von Weiblichkeit darstellt.

Erst als die „Mona Lisa“ 1911 gestohlen wurde, wurde sie – fast 400 Jahre später – weltberühmt. Der Dieb war der Dekorateur Vincenzo Peruggia. Sein Verbrechen trug maßgeblich dazu bei, dass die „Mona Lisa“ zu einer weltweiten Ikone wurde.

„Mona Lisa“, 1503–1519, von Leonardo da Vinci. Öl auf Pappelholz, 80 x 53 cm. Louvre, Paris. Foto: gemeinfrei

Ein Dieb wird geboren

Vincenzo, mit bürgerlichem Namen Pietro Vincenzo Antonio Peruggia, kam im Oktober 1881 in Dumenza im italienischen Varese zur Welt. Als junger Mann erlernte er das Malerhandwerk – nicht als Künstler, sondern als gewöhnlicher Anstreicher. Vielleicht besaß er Talent für Faux-Finish, also Techniken, die Stein, Holz oder Marmor täuschend echt nachahmen, und für andere dekorative Arbeiten. Doch ein Künstler im Rang eines Leonardo da Vinci war er nicht.

Die norditalienische Region Lombardei, in der die Gemeinde Dumenza liegt, war verarmt. Ihr Wohlstand und ihre glanzvollen Zeiten der Renaissance waren durch das französische Kaiserreich in den Hintergrund gedrängt worden. Napoleon hatte Italien erobert und viele der großen Kunstschätze des Landes nach Paris gebracht. Selbst in der Zeit nach Napoleon erlebte Frankreich einen Aufschwung, während Dumenza dahinsiechte. Im Jahr 1908 reiste Peruggia auf der Suche nach seinem Glück nach Paris.

Zunächst fand er Arbeit in seinem erlernten Beruf als Maler. Damals bereiteten Maler die Unterlage für ihre Farben vor, indem sie Bleipaste und Leinöl mischten. Es liegt auf der Hand, dass die Bleibelastung ein ernstes Berufsrisiko darstellte. So erlitt Peruggia 1908 eine schwere Bleivergiftung. Er war arbeitsunfähig und musste sogar für einige Zeit ins Krankenhaus. Peruggia träumte jedoch weiterhin davon, reich zu werden, und begann, bei der renommierten Maler- und Dekorationsfirma A. Gobier in Paris zu arbeiten.

Polizeifoto von Vincenzo Peruggia, der 1911 die „Mona Lisa“ gestohlen haben soll (1909). Foto: gemeinfrei

Dort arbeitete er hauptsächlich als Glaser, eine Arbeit, bei der es um das Einpassen und Einbauen von Fensterglas geht. Einer der Kunden von Gobier war der Louvre. Das Unternehmen reparierte dessen Oberlichter und führte andere ähnliche Arbeiten aus. Das Museum beschloss, 1.600 seiner Gemälde mit Glas abzudecken, nachdem 1907 zwei Meisterwerke – Nicolas Poussins „Winter“ (oder „Die Sintflut“) und Jean Auguste Dominique Ingres’ „Pius VII. in der Sixtinischen Kapelle“ – im Louvre von geistig verwirrten Personen zerschnitten worden waren. Peruggia war einer von nur fünf Mitarbeitern, die mit dem Zuschneiden und dem Einbau betraut waren. Seine Arbeit verschaffte ihm eine einzigartige Position, was den Zugang zur „Mona Lisa“ betraf.

Der Filmemacher Joe Medeiros war von dieser Geschichte fasziniert und machte sich auf die Suche nach Nachkommen Peruggias. So fand er seine damals 84-jährige Tochter Celestina. Sein Dokumentarfilm „Mona Lisa is Missing: The Man Who Stole the Masterpiece“ aus dem Jahr 2012 beschreibt einige seiner faszinierendsten Erkenntnisse. Die Briefe von Peruggia an seinen Vater, Gerichtsakten und Erinnerungen von Nachkommen offenbaren eine tragische Geschichte. Peruggia kämpfte darum, die Armut, mit der er auf die Welt gekommen war, zu überwinden. Obwohl er durch eine schwere Bleivergiftung geschwächt war, hielt er an dem Traum fest, seiner Familie Wohlstand zu verschaffen.

Das schrieb er auch in Briefen an seinen Vater, in denen er sagte, dass „sein Glück zu ihm kommen würde“. Leider verursacht eine schwere Bleivergiftung Hirnschäden. Sie senkt den IQ, führt zu Aggressivität und lässt Menschen sehr unvernünftig werden. Aller Wahrscheinlichkeit nach litt Peruggia unter solch einer Bleivergiftung. Vor seiner Anstellung bei Gobier hatte er sich mehrmals strafbar gemacht, wahrscheinlich aufgrund seines schlechten Urteilsvermögens, was eine der Folgen einer Bleivergiftung ist.

In einem Fall hinderte er tatsächlich einige Jungen daran, Terrakottarohre zu stehlen, aber als ihm eines herunterfiel, war er derjenige, der des Diebstahls beschuldigt wurde. Ein anderes Mal wurde er wegen des Besitzes eines Taschenmessers und fehlender Ausweispapiere für Gastarbeiter angeklagt. Dies hinderte ihn jedoch nicht daran, eine Anstellung bei Gobier zu finden, der besagten Firma, die mit dem Schutz nationaler Kunstschätze betraut war.

Während seiner Arbeit im Louvre widerfuhren Peruggia verschiedene Dinge. Obwohl er ein geschickter und zuverlässiger Handwerker war, wurde er von seinen französischen Kollegen schikaniert. Italiener bildeten damals die größte Gruppe von Einwanderern in Frankreich und sahen sich erheblichen Vorurteilen ausgesetzt.

Peruggia erfuhr auch, warum es im Louvre so viele wertvolle italienische Kunstwerke gab: Im frühen 19. Jahrhundert hatte Napoleon die Schätze Italiens geplündert und mehr als 600 Kunstwerke mitgenommen. Nach seiner Absetzung gaben die Franzosen nur die Hälfte davon zurück.

Nationalstolz oder Vorurteil

Peruggia schmiedete einen Plan. Einige sagen, ein gewisser Nationalstolz habe ihn angespornt, andere sagen, es sei die Aussicht auf finanziellen Gewinn gewesen – wahrscheinlich war es beides. Sein Plan sah vor, ein italienisches Gemälde zu stehlen und es in die Heimat zurückzubringen in der Hoffnung, eine finanzielle Belohnung zu erhalten. Sein Plan war gut durchdacht. Er wählte ein kleineres Werk von da Vinci, ein damals relativ unbekanntes Porträt einer Frau auf einer Holztafel.

Nachdem er bei Gobier aufgehört hatte, behielt Peruggia seine Arbeitskleidung, um wieder als Maler zu arbeiten. Da er wusste, dass der Louvre montags wegen Reinigungs- und Wartungsarbeiten geschlossen war, betrat er das Museum am 21. August 1911 gegen 7 Uhr morgens in seiner weißen Arbeitskleidung. Nur ein Bruchteil der Wachmannschaft war im Dienst und es war nicht ungewöhnlich, dass Kunstwerke zum Fotografieren aus der Ausstellung genommen wurden.

Peruggia betrat den Raum, in dem die „Mona Lisa“ hing, und hob sie von ihren Wandhaken, die angebracht worden waren, damit das Kunstwerk im Brandfall leicht entfernt werden konnte. Er nahm das Gemälde aus seinem Rahmen, zog seinen Kittel aus, wickelte ihn um die Tafel und ging einfach wieder zur Tür hinaus.

Als der Diebstahl bemerkt wurde, leitete das Museum sofort eine Untersuchung ein. Wer konnte das getan haben? Es war kein Geheimnis, dass wohlhabende US-Amerikaner der damaligen Blütezeit der USA geradezu davon besessen waren, europäische Meisterwerke zu erwerben. Auch Pablo Picasso geriet in Verdacht, da er häufig im Louvre anzutreffen war, ebenso wie Louis Béroud, der offenbar eine besondere Faszination für die „Mona Lisa“ hegte.

Das Museum verteilte Tausende Flyer mit dem Bild des Gemäldes. Es wurde an die Weltpresse weitergegeben. Die „Washington Post“ veröffentlichte die Geschichte, allerdings mit dem falschen Bild. Dennoch wurde der Diebstahl des Gemäldes zu einer Legende, zumal der Fall nicht sofort gelöst werden konnte.

Peruggia ließ mehr als zwei Jahre vergehen, bevor er Paris verließ. Er wollte, dass sich die Aufregung um den Raub legte. Er erzählte einem Verwandten, dass er das Gemälde vorübergehend unter der Tischdecke seines kleinen Esstisches in seiner Einzimmerwohnung versteckt hielt. Die Polizei besuchte alle, die im Louvre arbeiteten oder irgendwann einmal gearbeitet hatten. Höchstwahrscheinlich hat der Beamte, der Peruggias Wohnung durchsuchte und ihn verhörte, seinen Bericht auf dem Tisch direkt über dem gestohlenen Gemälde ausgefüllt und unterschrieben.

Peruggia baute eine Kiste mit doppeltem Boden, in die er das Gemälde legte. Dann packte er die Kiste mit seiner Kleidung und seinen Werkzeugen voll und reiste nach Italien zurück. In Florenz machte er Halt und versuchte, den Galeristen Alfredo Geri dazu zu bewegen, ihm das Gemälde abzukaufen. Peruggia ging davon aus, für die Rückführung eines italienischen Gemäldes eine hohe Summe und Anerkennung zu erhalten. Zu seiner großen Überraschung wurde er stattdessen verhaftet. Nachdem er sieben Monate lang wegen Diebstahls im Gefängnis verbracht hatte, wurde er aufgrund seines psychischen Zustands vorzeitig entlassen.

Anschließend nahm er wieder seinen Geburtsnamen Pietro an, heiratete, kehrte nach Frankreich zurück und bekam seine Tochter Celestina. Da sein gesundheitlicher Zustand immer noch sehr schlecht war, starb er bedauerlicherweise ein Jahr später im Alter von 44 Jahren.

Peruggia und der große Leonardo da Vinci hatten tatsächlich etwas gemeinsam: Beide verbrachten ihre letzten Lebenstage in Frankreich und starben dort. Da Vincis letzte Anstellung war die eines Hofmalers im Dienst von König Franz I. von Frankreich. Einige Biografen berichten, dass der König den sterbenden Künstler in seinen Armen gehalten habe. Die „Mona Lisa“ war ein italienisches Gemälde, das der französische Monarch rechtmäßig von da Vinci erworben hatte.

Nach ihrer Rückführung wurde die „Mona Lisa“ vorübergehend in Italien ausgestellt, bevor sie erneut im Louvre präsentiert wurde. Peruggias Diebstahl trug maßgeblich dazu bei, das Gemälde weltweit bekannt zu machen. Als herausragendes Beispiel für da Vincis weiche, technisch neuartige Ölmalerei gilt es als Meisterwerk der Renaissance, dessen heutiger Ruhm wesentlich auf den damaligen Vorfall zurückgeht.

Dieser Artikel erschien im Original auf The Epoch Times USA unter dem Titel „The Thief Who Made the ‘Mona Lisa’ Famous“. (deutsche Bearbeitung ee)



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