Der Genius Loci von Schloss Ettersburg

Nur wenige Kilometer vom Zentrum Weimars entfernt liegt das barocke Schloss Ettersburg. Auf eine reiche und vielschichtige Kulturgeschichte zurückblickend, ist es heute ein bedeutender Ort von Wissensvermittlung, Kultur und Dialog.
Titelbild
Schloss Ettersburg, von seinem englischen Park aus gesehen.Foto: Sabine Weigert
Von 27. November 2025

Auf dem Ettersberg, einer kleinen Anhöhe unweit von Weimar, leuchtet Schloss Ettersburg dem Besucher in warmem Gelb entgegen. Eingebettet ist es in das satte Grün gepflegter barocker Gartenanlagen und einen weitläufigen englischen Park, dessen Sichtachsen sich bis zum bewaldeten Horizont erstrecken.

Wer nichts von der jüngeren Geschichte des Ortes weiß, kann nicht ahnen, in welch bedauernswertem Zustand sich dieses traumhaft schöne Ensemble Anfang der 2000er-Jahre noch befand.

Schon in den 1950er- und 1960er-Jahren hatten rigorose Umnutzungen, unter anderem durch eine stalinistische Justizschule der DDR und ein Altersruheheim, dem Ensemble schwer zugesetzt. 1979 schließlich versinkt das Schloss in tiefem Dornröschenschlaf. Die Fassaden bröckeln, die großflächigen barocken Dächer sind marode und undicht.

Von der Wende gerettet

Mit der friedlichen Revolution des Jahres 1989 zieht jedoch auch in dem leer stehenden Schloss die Hoffnung auf eine Wende ein. Ein Verein tatkräftiger Bürger gründet ein Kuratorium und beginnt, das stark angeschlagene Schloss durch bauliche Notmaßnahmen zu sichern und mit kulturellen Aktivitäten neu zu beleben. 1998 wird das Ensemble in das UNESCO-Weltkulturerbe „Klassisches Weimar“ eingegliedert.

Blick vom Innenhof des Schlosses auf das frei stehende sogenannte Neue Schloss. Foto: Sabine Weigert

Seit 2005 ist das Schloss an ein engagiertes Bildungswerk der Bauwirtschaft verpachtet, das es grundlegend saniert hat und sein reiches immaterielles Erbe mit Bildungsangeboten und hochkarätigen Veranstaltungen in die Zukunft trägt.

Bewegte Geschichte

Die historischen Wurzeln des Ettersburger Erbes reichen weit zurück. Schon im Frühmittelalter stand hier in unmittelbarer Nähe des heutigen Schlosses eine Burganlage. Im 13. Jahrhundert kommt sie durch ein Raubrittergeschlecht in schweren Verruf und wird dem Erdboden gleichgemacht.

Friedfertig und fromm sind dagegen die Augustinerchorherren, die nahe der mittelalterlichen Burg ab dem 11. Jahrhundert ihr Stift errichten und hier für fast ein halbes Jahrtausend beten und arbeiten.

Ihr Werk versinkt in den Wirren der Reformation und dem Chaos der Bauernkriege des Jahres 1525. Fast alle Mönche fliehen, was Kurfürst Johann der Beständige nutzt, um die Klosteranlage als Kammergut in Besitz zu nehmen. Es dauert nicht lange und die Klostergebäude werden zum Steinbruch.

Zwei Jahrhunderte später lässt der Weimarer Herzog Wilhelm Ernst auf ihren Grundmauern, angezogen vom Wildreichtum der umliegenden Wälder, ein schlichtes hufeisenförmiges Jagdschloss errichten. 1740 wird die barocke Anlage durch das frei stehende und repräsentative „Neue Schloss“ zu einem großzügigen Karree ergänzt.

Luftaufnahme von Schloss Ettersburg mit dem hufeisenförmigen Jagdschloss, dem Neuen Schloss und der neugotischen Schlosskirche. Foto: Thuringius, CC0

Als der 18-jährige Herzog Carl August 35 Jahre später die Regierungsgeschäfte des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach von seiner verwitweten Mutter Anna Amalia übernimmt, bestimmt diese das Schloss in der sanften Landschaft vor den Toren Weimars zum Sommersitz des Hofes.

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Einzigartige Blüte

In das Jahr 1775 fällt auch eine folgenreiche Reise des frisch installierten, kunst- und literaturbegeisterten jungen Herzogs. Ein Jahr zuvor war der viel beachtete Briefroman eines 25-jährigen Autors erschienen, den Carl August unbedingt kennenlernen möchte. Kurzerhand besucht der begeisterte Leser der „Leiden des jungen Werther“ Johann Wolfgang Goethe in Frankfurt am Main und lädt ihn ein, nach Weimar zu kommen.

Herzog Carl August im Jahr 1773. Gemälde von Johann Ernst Heinsius, gemeinfrei

Es ist eine Einladung, die sowohl für den Eingeladenen als auch für seine neue thüringische Heimat große Veränderungen mit sich bringt.

Nicht nur die kleine, beschauliche Hauptstadt des Herzogtums erfährt in den kommenden Jahrzehnten eine einzigartige kulturelle Blütezeit. Auch das Schloss auf dem Ettersberg entwickelt sich immer mehr zum inspirierenden Begegnungsort zwischen Hof, Dichtern, Philosophen, Musikern und Künstlern.

Neben dem Poeten und Übersetzer Christoph Martin Wieland, den Herzogin Anna Amalia bereits 1772 als Erzieher ihrer Söhne angestellt hatte, 
sind hier viele illustre Künstler und Geistesgrößen zu Gast, so auch der Dichter Johann Gottfried Herder und die Sängerin und Schauspielerin Corona Schröter, die Herzog Carl August auf ausdrückliche Empfehlung von Goethe nach Weimar holt.

Corona Schröter und Johann Wolfgang Goethe auf der Bühne. Zeichnung von Georg Melchior Kraus, gemeinfrei

Schröter übernimmt auf Schloss Ettersburg in Goethes „Iphigenie auf Tauris“ die weibliche Hauptrolle. Der Autor wiederum schlüpft für die Aufführung seines Dramas vor kleinem, erlesenem Publikum in die tragische Rolle von Iphigenies Bruder Orest.

Goethe ist es auch, der beim Herzog erwirken wird, dass Friedrich Schiller die Möglichkeit erhält, sein Drama „Maria Stuart“ in der ländlichen Ruhe und Abgeschiedenheit von Schloss Ettersburg vollenden zu können.

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Kaiserjagd, Niedergang und Renaissance

Im Schloss und seinen Parkanlagen werden jedoch auch große Gesellschaften abgehalten. 1808 kommen auf dem Ettersberg Kaiser Napoleon, Zar Alexander und die Fürsten Weimars, Bayerns, Westfalens und Württembergs nach dem Erfurter Fürstenkongress zu einer festlichen sogenannten Kaiserjagd zusammen. Gemeinsam geht man auf die Pirsch und tafelt fürstlich. Den verheerenden Russlandfeldzug, mit dem Napoleon 1812 Hunderttausende ins Unglück stürzt, können diese und andere Begegnungen jedoch nicht abwenden.

In den Wirren und dem Leid der Napoleonischen Kriege verblassen die unbeschwerten Tage des Schlosses zu fernen Erinnerungen. Erst Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach knüpft ab Mitte des 19. Jahrhunderts wieder an die kulturelle Blütezeit der Weimarer Klassik an. Gefeierte Genies wie der 
Pianist und Komponist Franz Liszt und die Dichter Hans Christian Andersen, Emanuel Geibel und Friedrich Hebbel werden zu glanzvollen Soireen im Schloss empfangen.

Nur acht Jahrzehnte später entsteht mitten im Wald des Ettersbergs jedoch etwas, das all dem, woran kunstsinnige Generationen zuvor gebaut haben, zutiefst widerspricht. Kaum zu überbieten sind Zynismus und Menschenverachtung der Nationalsozialisten, die ab 1937, 1 Kilometer vom Schloss entfernt, das Konzentrationslager Buchenwald errichten. Der Ort liegt, gleichsam als Gegenentwurf zu dem geistigen Erbe des Schlosses, am Ende einer dicht bewaldeten Wegachse des weitläufigen Schlossparks.

„Zeitschneise“ vom Schloss Ettersburg zum ehemaligen KZ Buchenwald, angelegt 1999 auf einer Wegachse des Schlossparks Ettersburg. Foto: Michak, CC BY-SA 3.0

Verpflichtung und Auftrag

Aus seiner eigenen, meist heiteren Geschichte, doch auch aus der Nachbarschaft zu Grauen und Terror des Nationalsozialismus erwächst die besondere Verpflichtung, Schloss Ettersburg als Ort respektvollen Dialogs und kultureller Inspiration zu begreifen – eine Herausforderung, der sich die Programmgestalter, unter anderem mit den weithin bekannten, hochkarätigen „Ettersburger Gesprächen“, ideenreich und tatkräftig stellen.

„Ettersburger Gespräche“ im Schloss Ettersburg, Lesung mit Uwe Tellkamp. Foto: Vincent Eisfeld, CC BY-SA 3.0

Das Programm von Schloss Ettersburg und den Ettersburger Gesprächen finden Sie unter https://schlossettersburg.de.



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