Der Schneefall – von Franz Werfel
Aus der Reihe Epoch Times Poesie
Foto: phive2015/iStock
Der Schneefall
Oh langsames Fallen des Schnees,
Wär doch mein Auge geistesgestählt,
Ihm könnte verborgen nicht bleiben,
Dass jede Flocke des weißen Gewehs
Gewusst ist, gewogen, gezählt.
Oh Flocken, die tanzend sich drehn,
Ihr klein beseelten Persönlichkeiten,
Vertragen von Schwere, Leichte und Wind,
In eurem Kommen und Gehn
Seh ich die Schicksale niedergleiten,
Die ihr beginnt, vollendet, beginnt …
Die eine fällt wollig und weich,
Die andre voll Trotz und kristallen,
Die dritte von Widerständen geballt.
Doch löst sich morgen das bleiche Reich,
So stirbt nicht eine von allen,
Und die reinsten tauen zur Tropfengestalt.
Oh langsamer Schneefall der Welt,
Der Geschlechter dicht schleierndes Treiben!
Es stirbt und schwindet kein einziges Los.
Wir schmelzen, aber wir bleiben,
Wenn uns Tropfen der Tod, als Tauwind bestellt,
Heimsucht und heimsammelt zum Schoß.
Franz Werfel (1890-1945)
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